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 Bild des Einbandes

zu:Jeder Lidschlag

Die Fiktion der Erinnerung

Laudatio zur Buchvorstellung
am 23. März 2014, Kornhaus Wangen

von Josef Wittmann

 

Wenn wir „Erinnerung“ sagen, denken wir an Bilder.

An Schwarzweißfotos mit Zackenrand in alten Fotoalben, wo die längst verstorbene Tante als stattliche Frau zu sehen ist, damals jünger als der Betrachter heute selbst, wo Kinder beim Spiel beobachtet sind, die inzwischen das Rentenalter erreicht haben. Wir sehen durch winzige Fensterchen in eine zunächst fremde Welt. „Wo war das gleich noch einmal?“

Das Haus im Vordergrund gibt es schon lang nicht mehr, der Garten ist heute ein Parkplatz – und erst jetzt, nachdem wir das Bild gedanklich korrigiert haben, sehen und verstehen wir, was uns das Bild zeigt: einen Ausschnitt aus einer Welt, die einmal war, die es aber so nicht mehr gibt.

Jetzt erkennen wir plötzlich Einzelheiten, die zunächst banal ausgesehen haben: das Blümchenmuster auf dem Kleid der Tante, die Rüschen auf ihrer Schürze.

Und dann ist plötzlich der Geruch da: nach Zwiebel und angebrannter Milch und nach Bohnerwachs, mein Gott: Bohnerwachs! Was sind wir auf den Knien herumge­rutscht, mit Stahlwolle die Flecken wegscheuern, mit dem Rosshaar-Handbesen den Staub auffegen, mit dem Wachslappen das Wachs auftragen, mit dem schweren Blocker Brett für Brett polieren, bis der Boden milde glänzt…

Äh – Moment mal:

das ist ja eine ganz andere Geschichte, auf dem Bild ist überhaupt kein Parkett­boden und im Buch geht es überhaupt nirgends um Bohnerwachs!

 

Das stimmt natürlich. Wenn ich mit handfest sachlicher Neugier an ein Bild heran­gehe, so wie ich das Foto zu einer Reportage über ein Tagesereignis ansehe, dann sehe ich Kinder spielen und eine Frau mittleren Alters in unmoderner Kleidung. Basta. Die handfeste Neugier und das geradlinige Verstehen eines sachlichen Berichts lassen mehr gar nicht zu. Und „mehr“ geht auch keinem ab. Wir haben so viele sachliche Berichte über so viele Ereignisse jeden Tag und so viele Bilder von den Ereignissen, dass wir randvoll abgefüllt sind damit.

 

So ganz stimmt das nun aber auch nicht. Es geht uns sehr wohl etwas ab, wenn wir nur sachliche Berichte lesen. Unser Denken verlangt größere Sequenzen, verlangt den langen Atem; wir wollen verstehen, wie es zu einem Ereignis gekommen ist, wir wollen die Hintergründe wissen, wir wollen den Zusammenhang, wir wollen die Geschichte dazu hören. Jemand muss sie uns erzählen. In allen Einzelheiten. Mit aller Spannung. Mit Gefühl. Ohne Geschichte packen uns die Ereignisse nicht. Sie lassen uns entweder unbeteiligt oder, wenn wir uns ihnen nicht entziehen können, überfordert. Ohne Geschichte sind wir orientierungslos. Fremd. Ohne Geschichte wissen wir nicht woher und nicht wohin. Ohne Geschichte gibt es keine Moral.

 

Ich entschuldige mich: diese lange Einleitung war notwendig. Denn „Jeder Lidschlag“ von Claudia Scherer ist nicht nur eine Sammlung von Ansichten aus der Vergangen­heit und nicht nur eine Abfolge von Geschichten, nicht nur die Aufarbeitung von Verletzungen und eine genaue Beobachtung des Vernarbens, es ist ein tiefgründiges Spiel mit der Erinnerung. Nicht das verlässliche Gebäude einer Erzählung, sondern ein schöpferisches, gestaltendes, freies, überraschendes Spiel mit dem Material Erinnerung. Das setzt voraus, dass sich der Leser auf ihre Regeln einlässt. Dass er nicht mit handfest sachlicher Neugier an die Fakten herangeht – denn dann bleibt er vor dem aufgestoßenen Fenster als Fremder stehen, schüttelt den Kopf und versteht die Welt nicht, weder die vergangene Welt noch die gegenwärtige (um die es doch letztlich geht). Er wird nicht einfach an der Hand genommen und von einer orts- und zeitkundigen Erzählerin durch eine Lebensgeschichte begleitet. Er muss bereit sein, sich zu bewegen, muss Bilder auffangen, Bruchstücke von Geschichten ordnen, Ereignisse aus zeitlichem Abstand betrachten und sie zuordnen, er muss seine eigene Erfah­rung einbringen, um sich in diesem Raum­gebilde zurechtzufinden.

 

Der schwedische Philosoph und Dichter Lars Gustafsson hat in dem wunderbaren Essay „Über die Räumlichkeit der Literatur“[1] geschrieben: „Die Worte des Gedichts erhellen wie in einem schwachen Lichtkreis den kleinen Teil einer ausgedehnten Landschaft.

Wie verhält sich die Landschaft außerhalb dieses Lichtkreises? Welche Art von Existenz hat sie?

Hier gibt es keine Möglichkeit für Auftritte oder Abgänge, keine … Diskontinuität zwischen außerhalb und innerhalb. Wenn jemand auf die Bühne des Gedichts, in seinen schmalen Lichtkreis hineinträte oder aus ihm heraus, … dann würde das bedeuten, dass die Bühne des Gedichts sich erweitert, nicht dass jemand sie verließe oder beträte.“   

 

Das muss man verstanden haben, um an dem Spiel mit der Erinnerung genussvoll teilnehmen zu können. Wir lesen keinen Bericht. Wir lesen keine Erzählung. Wir lesen ein langes Gedicht in Prosa; denn Alle Einzelheiten, die wir erfahren, haben eine Bedeutung, die über ihren geschichtlichen Ort und über ihre zeitliche Position hinausgehen. Wir bekommen Bilder aus einer vergangenen Welt gezeigt, aber diese Bilder sind nicht vergangen, sie sind und bleiben gegenwärtig, sie sind mit der Erinnerung gewachsen, haben sich verändert, aber sie sind immer noch in derselben Landschaft, in der wir uns jetzt und heute befinden. Es gibt keinen Auftritt, es gibt keinen Abgang. Es gibt nur dieses Ganze, das auch uns Leser einschließt.

 

Geht s nicht auch einfacher? Freilich geht s. Das Buch kann sich nicht dagegen wehren, dass man es einfach mit gewöhnlicher Neugier liest und sich die einzelnen Episoden als Bildfolgen reinzieht. Auch Comics haben ihren Reiz und Filmsequenzen können spannend sein, auch da kommt der Leser / die Leserin auf seine / ihre Kosten. Es kann ja auch erregend sein, an einer Schlafzimmertür durchs Schlüssel­loch zu linsen und sich zwischen Schauder und Erregung satt zu sehen. Nur wenn dann am Ende die Frage steht, „was soll das jetzt eigentlich?“ dann haben Sie es sich zu leicht gemacht. Woran die Autorin unschuldig ist; denn in ihrem Spiel mit der Erinnerung hat der Leser eine faire Chance.



[1] in „Utopien“, Essays, München, 1970

 

 


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